„Die deutschen Leser stellen gerissenere Fragen“

„Die deutschen Leser stellen gerissenere Fragen“ 24.10.2013

Interview mit Derek Landy
Derek Landy hat Carsten Kuhr von Phantastik-News.de im März einige Fragen beantwortet. Dieses Interview, das auch in der Zeitschrift " phantastisch! " erschienen ist, wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten:


Im Gespr
ä ch mit Derek Landy
von
Carsten Kuhr

Hallo nach Irland. Um ein wenig warm zu werden, w ü rde ich Sie bitten, Derek, Sich unseren Lesern kurz einmal kurz selbst vorzustellen.

Hallo zurück nach Deutschland. Ich wurde in der Nähe von Dublin geboren und bin auch hier, in einer überraschend ländlichen Gegend nahe einer Großstadt auf der Farm meiner Eltern aufgewachsen. Damals, als Kind und Jugendlicher hatte ich mir geschworen, nie, unter gar keinen Umständen, niemals auf dem Hof zu arbeiten ... wie man sich doch täuschen kann. Wie das Schicksal so spielt, ließen meine Leistungen in der Schule ein wenig - na sagen wir einmal - zu wünschen übrig. Dabei war es nicht einmal unbedingt der Stoff oder das Lernen, das mir schwerfiel, ich wurde einfach zu schnell abgelenkt. Na und dann gab es eben diese lästigen Schularbeiten und die wurden auch noch benotet. Ich habe es gerade mal so in ins College geschafft und nach nur einem Jahr war dann Schluss mit dem lustigen College-Leben und es hieß - gehe zurück zum Anfang - und das hieß bei mir, dass ich, schwupps, wieder auf der Farm landete.

Ist es Ihnen ein inneres Bed ü rfnis zu schreiben?

Soweit ich mich zurückerinnern kann, habe ich mir immer schon Geschichten einfallen lassen. Ich erwähnte es ja bereits, die Schulzeit lief für mich nicht wirklich glücklich. Die einzigen Fächer, die meine Aufmerksamkeit wirklich fesseln konnten, waren Englisch und Kunst. Als ich dann unehrenhaft die hehre Anstalt des Lernens verlassen musste, beschloss ich, dass ich irgendwann einmal etwas ernsthaft versuchen müsste. Warum also nicht gleich anfangen und hochbezahlter, gefeierter Autor werden? Ich hätte beileibe nie gedacht, dass das Schreiben von Geschichten solch harte Arbeit wäre. Tagsüber schuftete ich auf der Farm, während ich in meinem Kopf dann Figuren entwarf, Handlungsideen prüfte und verwarf und langsam lernte, wie man eine Geschichte anlegt. In meinem Kopf entstanden so erste Geschichten, die kaum, dass ich mich abends an den Computer setzte, förmlich aus mir herausquollen.

In der Folgezeit begann ich Drehbücher zu schreiben und hatte meine ersten Erfolgserlebnisse. "Dead Bodies", eine bitterböse schwarze Komödie und ein Zombiefilm "Boy Eats Girls" betitelt wurden verfilmt.

Bestehen f ü r Sie Unterschiede, in der Art, wie sie an ein neues Werk herangehen wenn Sie an einem Roman oder an einem Drehbuch arbeiten?

Da gibt es zwei ganz wesentliche Unterschiede. Zunächst unterscheiden sich die Strukturen eklatant voreinander. In einem Film wird die Geschichte immer um eine Struktur herumgewebt, die - so zumindest der Plan - zu einem spannenden Film führt. Alles ordnet sich dem Medium Film unter, der aus meinen Ideen etwas Anderes, etwas hoffentlich Besseres macht. Bücher haben keine derartige Struktur. Hier entscheiden nicht die möglichen Filmorte, die visuellen Vorgaben und das Budget - hier herrscht allein des Autors Phantasie. Das ist eine Chance, eine wundervolle Möglichkeit in großen Bildern zu schwelgen, alles, was mein Geist sich vorstellen kann auch in Textform zu gießen, aber beinhaltet auch die Gefahr sich zu verzetteln und zu scheitern. Wenn man dies als Autor beim Erzählen die Handlung aus den Augen verliert, vergisst, den Leser zu unterhalten, dann hat hat man verloren. Ich stelle mir das bildlich immer gerne wie eine Tasse Tee vor. Die Struktur umschließt die Flüssigkeit, gibt ihr Form und Halt und erlaubt uns erst den Genuss. Ohne die Tasse schwappt der Tee auf den Tisch, verteilt sich unkontrolliert und der Genuss ist passé.

Der zweite, wichtige Unterschied ist die Freiheit, die man als Autor hat. Im Filmgeschäft arbeiten eine Menge Leute an einem Film mit. Nur wenn das Team gut zusammenarbeitet, wenn jeder auf den anderen Rücksicht nimmt, man Kompromisse eingeht, gelingt es den Streifen in die Kinos zu bringen. Jeder bestimmt ein wenig mit, der Produzent ändert etwas, der Regisseur und die Schauspieler auch und schon erkennt man sein eigenes Drehbuch nicht wieder. Dies kann natürlich auch eine Chance sein, eine Vorlage noch besser zu machen, dennoch ist man als Autor nicht Herr des Geschehens. Dies ist bei einem Buch ganz anders. Da bin ich der alleinige Bestimmer, habe ich die ganze Verantwortung auf meinen Schultern lasten, ernte aber auch den ganzen Ruhm, wenn das Buch beim Leser ankommt.

Und wie kam es dann zu der Idee einen magischen Skelett-Detektiv auf die Leser loszulassen?

Wenn ich das nur wüsste! Skulduggerys Name tauchte urplötzlich eines Abends in meinem Kopf auf, während ich eigentlich auf Sightseeing-Tour in London weilte. Es war also nicht so, wie viele meiner Leser annehmen, dass ich die Ideen für einen Skelettdetektiv hatte und mich dann auf die Suche nach einem möglichst griffigen, ungewöhnlichen Namen machte, sondern gerade anders herum Zuerst sprach der Autor das Wort, dann kam der Rest hinterher. Skulduggery beschrieb dann, zumindest für mich, sein ganzes Wesen. Sonst ist es harte, so manches Mal langwierige, quälende Arbeit einen Charakter zu entwerfen. Skulduggery kam aus dem Nichts und das, ohne dass ich überhaupt nach einer solchen Inspiration gesucht hätte.

Sie haben nebenher f ü r einige Jahre Kindern Karate beigebracht. Hat Ihnen dies geholfen, als Sie die junge Stephanie geschaffen haben?

Definitiv. Bevor ich mit dem Unterrichten begonnen hatte, wusste ich nichts von Kindern. Ich kannte keine Teenager aus der Nachbarschaft oder im Freundeskreis. Erst über den Unterricht der Selbstverteidigung lernte ich Kinder als das kennen und schätzen, was sie sind - Menschen, wie Du und Ich. Sie sind genauso witzig, lustig und gewitzt wie meine Freunde. Und aus dieser Erkenntnis ergab sich dann das Bild, das ich vor Augen hatte, als ich Stephanie entwarf.

Ich hatte bei der Lekt ü re den Eindruck, dass es Ihnen gut gelungen ist Stephanie als Kind ü berzeugend zu zeichnen und auch altersgerecht agieren zu lassen. Das ist endlich einmal kein Erwachsener im K ö rper eines Teenagers, sondern ein junges M ä dchen mit all seinen Tr ä umen, seinen Ä ngsten und seinem Mut.

Dann habe ich alles richtig gemacht. Ich wollte unbedingt vermeiden in die Falle zu treten und einen Erwachsenen in einem Kinderkörper in den Mittelpunkt meiner Bücher stellen. Stephanie hat ein vorlautes Mundwerk, ist frech und kann sich auch gegenüber Erwachsenen behaupten. Ich hatte da einige Vorbilder aus meinen Karate-Kurs vor Augen, an denen ich mich hier orientieren konnte. Mehr noch, ich musste mich regelrecht zwingen, sie nicht noch gewiefter, talentierter zu zeichnen, als sie so schon ist. Sie hat oft und berechtigt Angst, macht Fehler, wird wütend und, was das Wichtigste ist, wenn sie gegen einen Erwachsenen antritt, verliert sie in aller Regel das Match. Mit der Zeit, während sie älter, zu Walküre Unruh wird, steigert sie ihre Kräfte, wird schlagfertiger, ist aber beileibe nicht unfehlbar. Sie ist ein Mensch und als solcher ist sie fehlbar - und soll es auch bleiben.

Sie arbeiten gegenw ä rtig am achten Band der Reihe. Wird die Besch ä ftigung mit Skulduggery und seinen Freunden f ü r Sie jemals langweilig, schleicht sich hier eine Routine ein, nehmen Sie sich ab und an eine Pause von dem so ungleichen Duo?

Als ich mit der Reihe begann, hatte ich eigentlich vorgehabt, nur alle zwei Jahre einen Roman zu schrieben. Dazwischen wollte ich mich mit anderen Büchern beschäftigen - selber Lesen - gerade liegt George Martins "A Dance with Dragons" (dt. "Sturm der Schwerter - Das Lied von Feuer und Eis Band 5", Blanvalet) auf meinem Nachttisch und Warren Ellis "Gun Machine" (dt. "Gun Machine" bei Heyne in Vorbereitung) harrt meiner auch noch - doch dann wollten mich weder Stephanie noch Skulduggery aus ihren Klauen lassen. Nein, ernsthaft, die Beschäftigung mit den Beiden macht mir nach wie vor noch genauso viel Spaß wie beim ersten Band, und ich hoffe nur, dass mir, was auch immer ich nach Skulduggery in Angriff nehme, auch nur annähernd so viel Befriedigung verschafft und Spaß macht wie die Arbeit an SP.

Ich muss gestehen, dass ich viel von mir selbst in den Charakter des Skelettdetektivs habe einfließen lassen. Natürlich ist er viel schlauer und selbstbewusster als ich es bin, ich bewundere ihn regelrecht, wie er, ohne sich groß darum zu kümmern, was Andere von ihm denken, seinen Weg geht.

Wir hatten es vorhin angesprochen - Sie haben fr ü her als Drehbuchautor gearbeitet. Wird man eines nicht zu fernen Tages Skulduggery und Walk ü re auf der Leinwand sehen?

Ohne hier zu viel verraten zu wollen - und zu dürfen - ein erstes Drehbuch ist fertig, jetzt gilt es einen Produzenten zu finden …

Sie kommen gerne und auch recht regelm äß ig auf Ihren Lesereisen nach Deutschland. Gibt es da zwischen dem Deutschen und den anglo-amerikanischen Publikum gro ß e Unterschiede?

Eigentlich nicht. Überall auf der Welt scheinen sich fast gleich viele Männlein wie Weiblein im Publikum zu befinden. In Deutschland sind sie vielleicht im Durchschnitt ein wenig älter, so sechzehn und aufwärts, aber sonst gibt es wenig Unterschiede. Der größte Unterschied liegt darin, dass die Leser in Deutschland mir viel gerissenere Fragen stellen als anderswo. Ich habe mich Jahrelang mit meinen Figuren beschäftigt, so dass es natürlich sehr schmeichelhaft aber auch interessant für mich ist, wenn ich, mit interessanten, ja tiefschürfenden Fragen zur Motivation, zu den Hintergründen und den Möglichkeiten die sich meinen Figuren bieten förmlich gelöchert werde.

Haben Sie recht herzlichen Dank, dass Sie uns Rede und Antwort gestanden sind.